Details

Kategorie

Datum

27.10. - 28.10. 2017

Ort

Universität Erfurt

Organisator

Weitere Informationen

Webseite

Kontakt

Kai Brodersen

E-Mail: kai.brodersen@uni-erfurt.de

Übersicht

Acum ori niciodată să dăm dovezi la lume
Căn aste mâni mai curge un sânge de roman,
Și căn a noastre piepturi păstrăm cu falăun nume
Triumfător în lupte, un nume de Traian!

Jetzt oder nie, senden wir Beweise in die Welt,
Dass in diesen Adern noch Römerblut fließt,
Dass wir in unseren Herzen stets mit Stolz einen Namen tragen,
Den Sieger seiner Kämpfe, den Namen von Trajan!

(Rumänische Nationalhymne, 2. Strophe)

Rumänien wird 2018 das einhundertjährige Bestehen des heutigen Staates feiern; am 1. Dezember (dem heutigen rumänischen Nationalfeiertag) 1918 hatten sich die mehrheitlich rumänisch besiedelten Territorien Russlands und Österreich-Ungarns Rumänien angeschlossen – dem einzigen modernen Staat, der in seinem Namen einen Bezug zum antike Rom herstellt. Das lange zum “Ostblock” gehörende Land ist seit 2004 Mitglied der NATO und seit 2007 Teil der Europäischen Union; es nimmt – wie etwa Anfang 2017 die landesweiten Bürgerproteste zeigten – eine klar proeuropäische Haltung ein. Zwanzig Minderheiten sind im heutigen Staat Rumänien anerkannt (zum Vergleich: in Deutschland sind es vier). In mancher Hinsicht kann das heutige Rumänien als Beleg dafür dienen, dass es einem noch kein Jahrhundert altem Staatsgebilde gelingen kann, beim “nation building” Minderheiten zu integrieren. Welche Rolle spielt dabei der Bezug auf die antike Geschichte?

Ebenfalls einen direkten Kontakt zur antiken Geschichte stellt die in den frühen 1990er Jahren gegründete Republika Makedonija (FYROM, ejR Mazedonien) in ihrem Namen her, der darauf abhebt, dass das antike Makedonenreich in der heutigen Republika weiterlebe. Auch hier nutzt ein inhomogener junger Staat den Bezug zu einem antiken Globalreich, das als Vorgänger konstruiert wird. Damit einher geht wiederum ein Konflikt mit dem Nachbarn Griechenland, der die Territorialbezeichnung Makedonien und das Erbe Alexanders für sich reklamiert. Angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse in Skopje stellt sich die Frage, welche Rolle dieser Bezug auf die antike Geschichte spielt.

Gerade für das Studium der “global condition” wird es also von Vorteil sein, den Antike-Bezügen in diesen beiden Staaten nachzugehen. Wie gelingt es etwa Rumänien auch angesichts erstarkender Nationalismen in seinen Nachbarländern, Minderheiten und Nationalität zum Wohl der Bevölkerung zu verbinden, und welche Rolle spielt dabei das “Römerblut”? Der stete Rückbezug auf die römische Vergangenheit lohnt auch deshalb eine Diskussion, da das Territorium des heutigen Staates nicht einmal zwei Jahrhunderte zum Römischen Reich gehörte, also im Vergleich zur römischen Präsenz etwa in den Territorien der heutigen Mittelmeerstaaten, aber auch Frankreichs, der BeneluxLänder oder Britanniens, sehr kurz war: Die römische Eroberung zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. unter dem in der Nationalhymne genannten Kaiser Trajan und die Einrichtung einer Provinz führte nämlich nur für etwa sieben Generationen zur römischen Herrschaft, die bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts endete. Was bedeutet es, dass man im 21. Jahrhundert feiert, dass  wie der aus dem 19. Jahrhundert stammende Hymnentext angibt  “in diesen Adern noch Römerblut fließt”?

Historische Bezüge haben auch dann eine Wirkung, wenn sie letztlich Fiktionen sind. Diese Bezüge zu untersuchen und zu verstehen, kann auch den Missbrauch von Geschichte zu verhindern helfen, und für das Studium der “global condition” kann es zudem hilfreich sein, an konkreten Beispielen, eben denen Rumäniens und der ejR Mazedonien, nicht zuletzt angesichts erstarkender Nationalismen in deren Nachbarländern zu erkunden, wie die politisch so hoch gehaltenen Bezüge zur antiken Geschichte ge- oder auch missbraucht werden; der kontrastierende Vergleich kann dabei den Blick schärfen.

Dass in beiden Fällen ein Bezug auf die ersten “globalen” Reiche – das Alexanders d. Gr. und das Imperium Romanum – gesucht wird, ist kein Zufall  und schon insofern eine “Dimension von Globalisierung”. Welche Ansprüche aber leiten sich aus diesen Bezugnahmen ab? In diesem diesem explorativen Workshop soll untersucht werden, welche Grundlagen, welche Funktion und welche Folgen der jeweilige Bezug auf die antike Geschichte in Schule und Ausbildung, aber auch in Alltag und Politik hat.

Die Tagung findet am 27. und 28. Oktober 2017 in Erfurt statt. Zugesagt habe ihre Teilnahme

  • Prof. Dr. Kai Brodersen (Erfurt)
  • Prof. Dr. Filippo Carla-Uhink (Heidelberg) – Thema: Die Tabula Traiana und Dragans Decebalus: symbolische Auseinandersetzungen zwischen Serbien und Rumänien an der Donau
  • Dr. Chares Chrysafis (Athen)
  • Prof. Dr. Wolfgang Dahmen (Jena)
  • Dr. Florian Kührer-Wielach (München)
  • Prof. Dr. Eduard Nemeth (Cluj) – Thema: Missbrauch und die Fälschung der dakischen Geschichte im heutigen Rumänien
  • Prof. Dr. Stefan Pfeiffer (Halle)
  • Prof. Dr. Alexander Rubel (Iasi) – Thema: Dakerblut. Die Idee des Bodenständigen (autochton) und die Indienstnahme der Daker durch den Nationalkommunismus und deren Nachwirkungen in heutiger Zeit
  • Dr. Darko Stojanov (Skopje) – Thema: The myth of antiquitas in post-Yugoslav Macedonia: construction, significance and dynamics
  • Dr. Maria Trappen (Sibiu)
    und andere.

Wenn Sie auch teilnehmen möchte, wird um Anmeldung bei kai.brodersen(at)uni-erfurt.de gebeten. Und wer sich einlesen möchte, sei verwiesen auf G. Klaniczay u.a. (Hgg.), Multiple Antiquities – Multiple Modernities. Ancient Histories in 19th Century European Cultures. Frankfurt & New York 2011.

Kai Brodersen (Erfurt) – Stefan Pfeiffer (Halle)

Quelle und weitere Informationen: Universität Erfurt, Link (25. September 2017)