Übersicht

Der Begriff der Integrität klingt zunächst wie ein wohlvertrautes normatives Paradigma der Ethik und Politik und suggeriert eine lange Geschichte und konzeptionelle Schärfe. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass sich die Forschung bislang nur in Ansätzen um die Klärung dieser Begrifflichkeit bemüht hat, während sie beinahe stillschweigend längst Einzug in die Alltagskultur und global verbindliche politische Vereinbarungen gefunden hat. Der Workshop analysiert daher einerseits klassische personalitätstheoretische Vorstellungen von Authentizität und Ganzheit. Andererseits nimmt er Integrität als eine Form, das Globale zu denken, in den Blick. Letztlich wird untersucht, wie sich personale und globale Konzeptionen der Integrität aufeinander beziehen lassen.

Die globale Dimension von Integrität wird beispielsweise im Pariser Abkommen deutlich, innerhalb dessen Integrität zum einen eine heuristische Perspektive darstellt, um die conditio globale in der Form prekärer Ökosysteme zu thematisieren, als deren wichtigster Einflussfaktor der Mensch benannt wird (Anthropozän). Zum anderen ist das Pariser Abkommen selbst ein politisch-praktisches Projekt der Globalisierung, das sich um die Herstellung planetarischer Integrität bemüht, indem es etwa den Zusammenhang von Migration und Klimagerechtigkeit anspricht.

Es steht die Frage im Raum, ob Integrität tatsächlich eine zutreffende Beschreibung und Bewertung gegenwärtiger – und vor allem für die Zukunft – relevanter Fragen der globalen Gerechtigkeit austrägt. Im günstigsten Fall können wir gewissermaßen „live“ mitverfolgen, wie sich ein normatives Paradigma herausbildet, das in einigen Jahrzehnten womöglich die Strahlkraft und Allgegenwart erlangt haben wird, die heute z.b. dem Würdebegriff zukommt. Um eine Parallele zu ziehen: Würde ist bekanntlich seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948), dem Deutschen Grundgesetz (1949) und der Genfer Konvention (1949) prominent, wurde aber erst mit einer Latenz von rund 50 Jahren zum Gegenstand akademischer Forschungen. Diese Karriere, die der Würdebegriff im ausgehenden 20. Jahrhundert als Kristallisationspunkt historischer Erfahrungen und normativer Überzeugungen gehabt hat, regt uns an, Integrität ergänzend dazu zu überprüfen und die verheißungsvollen Versprechen, man bekäme damit etwa die globale Erwärmung, die große Transformation oder das Erdzeitalter des Anthropozän besser in den Griff, kritisch zu hinterfragen.