Forschungsidee

Seit den 1990er Jahren war „Globalisierung“ die dominierende Idee und auch Ideologie. Die Meistererzählungen vom Sieg des Westens im Kalten Krieg, vom Vordringen der Marktwirtschaft und den Produktivitätsschüben durch Entgrenzung, Digitalisierung und Finanzialisierung verbanden sich mit dem Versprechen eines globalen trickling down-Effekts hin zu größerem Wohlstand für immer mehr Menschen weltweit. Kritik wurde mit dem Argument begegnet, es gäbe keine Alternative, denn „die Globalisierung“ sei zu mächtig, omnipräsent und irreversibel.

Heute trifft diese Globalisierungs-Ideologie auf eine wachsende Skepsis. Einer Phase des übertriebenen Optimismus in Bezug auf das Zusammenwachsen der Welt und die Vorhersagbarkeit der globalen Zukunft scheint sich eine Phase des Zweifels und der Suche nach einem Rückgewinn von partikularer Souveränität anzuschließen. Dieses bedeutet aber keineswegs, dass globale Verflechtungen zurückgegangen wären. Die Erklärung des hohen Niveaus von Interdependenzen und der Ideologie, die diesen Verflechtungen Bedeutung zumisst und sie rechtfertigt, ist umso dringender.

Das Forum for the Study of the Global Condition konzentriert sich vor diesem Hintergrund auf drei Dialektiken des Globalen:

  1. Vielfalt und Kopräsenz: „Globalisierung“ ist kein naturwüchsiger Prozess (im Singular), vielmehr gilt, es konkurrierende Projekte der Globalisierung im Vergleich, in ihrem Zusammenwirken und ihrer wechselseitigen Konstituierung zu untersuchen. Globalisierungsprojekte (im Plural) sind geprägt durch das Bemühen um Positionierung in einer Welt(ordnung) der wachsenden Vernetzung und Kopräsenz.
  2. Integration und Fragmentierung: Globale Prozesse haben Entgrenzungen zur Folge, aber auch eine ständige Neuverräumlichung der Welt.
  3. Universalismus und Partikularismus: Globalisierungsprojekte werden zu ihrer Begründung und Legitimation mit universalistischen Geltungsansprüchen versehen, während sie gleichzeitig auf der Partikularität einer von diesem Projekt repräsentierten Gruppe beharren.

Das Forum untersucht diese drei Dialektiken anhand einer breiten Auswahl von Globalisierungsprojekten über verschiedene historische Epochen und viele Weltregionen hinweg. Es fragt nach den Beziehungen der Globalisierungsprojekte zu Weltordnungen, zu (oft konfligierenden) Weltnarrativen, ihrem Bedarf nach Übersetzung bei Begegnungen im internationalen Raum und nach ihrer Grundierung in einer langen Geschichte des Konzeptualisierens und Transzendierens von „Welt“.

Research Focus

Ever since the 1990s, “globalization” has been a dominant idea and, indeed, ideology. The metanarratives of Cold War victory by the West, the expansion of the market economy, and the boost in productivity through internationalization, digitalization, and the increasing dominance of the finance industry became associated with the promise of a global trickle-down effect that would lead to greater prosperity for ever more people worldwide. Any criticism of this viewpoint was countered with the argument that there was no alternative; globalization was too powerful, too omnipresent, and thus irreversible.

Today, the ideology of “globalization” meets with growing scepticism. An era of exaggerated optimism for global integration and for the predictability of the global future seemingly has been replaced by an era of doubt and a quest for a return to particularistic sovereignty. However, processes of global integration have not dissipated and the rejection of “globalization” as ideology has not diminished the need to make sense both of the actually existing high level of interdependence and the ideology that gave meaning and justification to it.

Against this background, the Forum for the Study of the Global Condition focuses on three dialectics of the global:

  1. Multiplicity and Co-Presence: “Globalization” is neither a natural occurrence nor a singular process; on the contrary, there are competing projects of globalization, which must be explained in their own right and compared in order to examine their layering and their interactive composition. Globalization projects are shaped by the struggle over positioning in a world of growing networking and co-presence.
  2. Integration and Fragmentation: Global processes result in de- as well as reterrorialization. They go hand in hand with the dissolution of boundaries, while also producing a respatialization of the world.
  3. Universalism and Particularism: Globalization projects are justified and legitimized through universal claims of validity; however, at the same time they reflect the worldview and/or interest of particular (territorial, cultural, functional) actors.

The Forum looks at these three dialectics through a broad selection of globalization projects across various historical epochs and regions of the world and investigates their relationship with world orders, their underlying and often conflicting world narratives, their need for translation when encountering an international sphere, and their grounding in a long history of conceptualizing and transcending the “world”.